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Verband | 27.06.2012

Wahlen beim AWO Kreisverband Rosenheim: Alter Vorstand wieder neuer Vorstand

Von links: Die vier stellvertretendenden Vorsitzenden Udo Satzger vom Stadtverband (SV) Rosenheim, Alexandra Burgmaier vom Ortsverein (OV) Raubling, Dr. Werner Keitz vom OV Bad Aibling und Edeltraud Strauß vom SV Rosenheim, mit Ehrenvorsitzenden Karl Plisch und Kreisvorsitzenden Herbert Weißenfels.

Rosenheim-Stephanskirchen:
Sozialpolitische Betrachtungen, ein wirtschaftlicher Rückblick sowie Vorstands- und Delegierten-Wahlen standen im Vordergrund der AWO-Kreiskonferenz Rosenheim am vergangenen Samstag. An der Konferenz im Gasthaus Antretter in Stephanskirchen, die alle 4 Jahre stattfindet, nahmen rund 90 Delegierte, Gäste sowie mehrere Bürgermeister aus dem Landkreis und Landtagsabgeordnete teil. Ehrenvorsitzender Karl Plisch kam extra aus dem Schwarzwald angereist. Zum Vorsitzenden wurde einstimmig Herbert Weißenfels gewählt, der ohne Unterbrechung seit 1991 dieses Ehrenamt ausübt.

Grußwortredner Anton Heindl, Zweiter Bürgermeister von Rosenheim, gab einen Rückblick auf 66 Jahre AWO in Rosenheim und sagte anerkennend, dass der Wohlfahrtsverband bis heute ein Vorbild für soziales Wirken geblieben sei. „Wir in Rosenheim wissen, welch ein Segen die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter für die Stadt sind“.

Auch Alexandra Burgmaier, stellvertretende Landrätin, stellte in ihrem Grußwort den hohen Stellenwert der sozialen AWO-Einrichtungen im Landkreis heraus. Nach ihrem Lob für den unermüdlichen Einsatz des Kreisvorsitzenden „der in seinem Unruhestand eher mehr als weniger arbeitet“, gab es Standing Ovation für Herbert Weißenfels.

Bei Bürgermeister Rainer Auer von Stephanskirchen stand neben den Verdiensten des Kreisverbandes auch Vroni Engel im Mittelpunkt seiner Rede. Sie sei seit 27 Jahren Vorsitzende des Ortsvereins Schloßberg-Stephanskirchen und durch ihr äußerst aktives ehrenamtliches Engagement aus der Region nicht mehr wegzudenken, würdigte er.

Vroni Engel ging auf die Kranken, Schwachen, Benachteiligten und Armen im Landkreis ein, die auf die AWO zählen. Aber um das vielfältige Angebot aufrecht zu erhalten und neue Projekte anbieten zu können, brauche die AWO neue und jüngere Mitglieder, sagte sie besorgt.

Landtagsabgeordnete Kathrin Sonnenholzner und stellvertretende Bezirksvorsitzende der AWO berichtete als letzte Grußwortrednerin über die positive Bilanz des Bezirksverbandes, der Träger von über 110 Einrichtungen und Diensten in Oberbayern sei, sprach die immer schwerer werdenden Rahmenbedingen an und unterstrich die Bedeutung der Mitgliederbasis sowie das hauptamtliche und ehrenamtliche Engagement, auf das die AWO gegründet sei. Sie hob die Rolle der AWO als Fürsprecherin für einen gerechten Sozialstaat hervor und ihren aktiven Einsatz unter anderem gegen die steigende Armut und Ausgrenzung.
Kritik gab es von der Landtagsabgeordneten wegen des steigenden Fachkräftemangels im Pflege- und Erziehungsbereich und für die derzeitige Schulpolitik. Sie forderte für alle Kinder und Jugendlichen eine kostenfreie Schulbildung und die Beseitigung des Missstandes durch die politischen Vertreter.
Den Kreisverband Rosenheim nannte sie eine der Stützen des Bezirksverbandes, die er durch seine Mitglieder sowie zahlreichen Einrichtungen, Dienste und Aktivitäten geworden sei.

Sozialpolitische Betrachtungen
In seinen anschließenden sozialpolitischen Betrachtungen, durchleuchtete Herbert Weißenfels das „rauer gewordene soziale Klima in Deutschland“. Er erläuterte, dass Deutschland zwar zu den 20 reichsten Industrienationen der Welt gehöre, aber trotzdem nehme nach dem Sozialbericht 2011 das Armutsrisiko stetig zu. „Aktuell sind mehr als 2,5 Millionen Kinder von Armut betroffen und in manchen Regionen lebe bereits jedes dritte Kind in Armut, vorrangig in Haushalten mit Alleinerziehenden, aus Familien mit mehr als zwei Kindern und aus Zuwanderungsfamilien“. Weitere Stichworte waren hierzu die sozialen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die gesundheitlichen Auswirkungen und die millionenfache Bildungsarmut. „Es darf nicht sein, dass, wer arm ist, weniger Chancen hat und arm bleibt und seine Kinder wieder arm werden“. Er sei überzeugt, dass sich Kinderarmut überwinden ließe und nahm hier Bezug auf die sozialpolitische Grundsatzerklärung 2011, in der die Ziele und Forderungen der AWO zur Bekämpfung des Armutsrisikos von Kindern und Jugendlichen festgeschrieben seien.

Auch das Problem Niedrigeinkommen war ein Themenschwerpunkt bei seinen Betrachtungen. „Zu sozialer Gerechtigkeit gehört auch, dass Menschen mit Vollzeitarbeit, einschließlich ihrer Familien, vom Lohn ihrer Arbeit anständig leben können.“ Deshalb setzt sich die AWO für einen gesetzlichen Mindestlohn ein. 7,4 Millionen Menschen in Deutschland haben eine Stelle auf 400-Euro-Basis. Davon waren Mitte 2011 knapp 4,65 Millionen Frauen, von denen über zwei Drittel ausschließlich einen Minijob haben. Dies ist eine Brücke zur Altersarmut, denn es ist zu befürchten, dass bereits ab 2025 gegenüber heute fünfmal so viele Rentnerinnen und Rentner so arm sein werden, dass sie staatliche Hilfe benötigen. Und das werden vor allem Frauen sein“,  machte Herbert Weißenfels deutlich.

„Soziale Gerechtigkeit ist für die Arbeiterwohlfahrt: Vermeidung von Armut, soziale Chancen durch Bildung und durch eine angemessene Einkommensverteilung, die gesellschaftliche Gleichstellung von Frau und Mann sowie die soziale Sicherung. Sie ist der Schlüsselbegriff und die Voraussetzung für eine demokratische Gesell-schaft. Solidarität hat die Arbeiterwohlfahrt von Beginn an geprägt. Sie ist auch für die Zukunft unseres Verbandes und für eine sozial gerechte Gesellschaft in unserem Land unentbehrlich. Die Sozialpolitik ist deshalb neu auszurichten, ansonsten sei der gesellschaftliche Zusammenhalt und der soziale Frieden gefährdet“, mahnte Herbert Weißenfels.

Rechenschaftsbericht des Vorstandes
In seinem anschließenden Rechenschaftsbericht erläuterte Herbert Weißenfels anhand von Zahlenmaterial ausführlich die wirtschaftliche Situation des Kreisverbandes Rosenheim von 2008 bis 2011. So konnten die Teilnehmer nachvollziehen, dass sich die Finanzen weiter positiv entwickelt haben, was ermöglichte, in die Zukunft des Verbandes zu investieren. Der größte Posten der Gesamtaufwendungen waren die Personalkosten. Denn der Verband beschäftigte Ende 2011 insgesamt 174 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - im Vergleich zu 2008 waren es 123. Investiert wurde in den Neubau der Kinderkrippe „Erlenau“ und der Kinderkrippe an der Frühlingstraße als erweiterten Ersatz für die Kinderkrippe „Kleine Mäuse“. Zu diesen Einrichtungen werden noch weitere Betreuungsplätze hinzukommen.
Durch die wirtschaftliche Situation sei es auch möglich gewesen verschiedene notwendige Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten in den Einrichtungen durchzuführen und organisatorische sowie personelle Veränderungen in der Geschäftsstelle zu vollziehen, so der Kreisvorsitzende.

Die Schließung des in Prien am 01.04.1999 in Betrieb gegangenen Projektes „ProJu“, für arbeitslose junge Menschen, zum 31.03.2012, bedauerte Herbert Weißenfels sehr. „Aber aufgrund reduzierter und auch weggefallenen Zuschüssen im Laufe der Jahre, entwickelten sich Defizite, die von der Größenordnung her letztlich zu einer Existenzgefährdung des gesamten Kreisverbands geführt hätten“.

Warum sich eingangs alle Grußwortredner so anerkennend über die soziale Arbeit der AWO im Landkreis äußerten, wurde durch den dargestellten Aufgabenumfang des Kreisverbandes offensichtlich. Den Anfang machte das Mehrgenerationenhaus, das Ende des Jahres 2011 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend die Anschluss-Förderung für weitere drei Jahre zugesichert bekommen habe.
Insgesamt seien es rund 70 Freiwillige, die durch die Umsetzung der sozialen Angebote das Mehrgenerationenhaus mit Leben füllen. Zu diesen gehören unter anderem der soziale Mittagstisch „Tafelrunde“, das Patenschaftsprojekt für Grundschüler, die Familienanschlussvermittlung (Vermittlung von Leihomas oder –opas), die „Lesepaten“ für Kindertagesstätten und auch Senioreneinrichtungen, die Schuldnerbegleitung, das Projekt „Wohnraum für Hilfe“ oder die kostenfreie Online-Pflegeberatung der AWO sowie Essen auf Rädern.

Weitere Angebote seien unter anderem auch die beliebten Kindererholungen und Seniorenreisen und die Kooperationen mit anderen sozialen Einrichtungen und Organisationen sowie die Mutter- und Kind-Kuren.

Aber auch die vielen sozialen ehrenamtlichen Aktivitäten in den 19 Ortsvereinen seien beachtlich, sagte Herbert Weißenfels. Er nannte nur einige aus dem Spektrum der Leistungen, die von Mutter-Kind-Gruppen, Freizeitaktivitäten für Kinder, Hausaufgabenbetreuungen, bis hin zur Vermittlung von Haushalts- und Alltagshilfen, sozialen Mittagstischen, einer Tafel, Beratungsangeboten, Seniorenbegegnungsstätten und Seniorenclubs, die Betreuung von älteren und kranken Menschen sowie das Gewähren von Hilfestellungen für notleidende und unterstützungssuchende Menschen reiche.

Ein Schwerpunkt des Berichtes war auch der Rückblick auf die Entwicklung des Kreisverbandes als soziales Dienstleistungsunternehmen. Hier richtete Herbert Weißenfels den Focus auf die 12 Kindertageseinrichtungen im Landkreis Rosenheim, die alle einen hohen Qualitätsstand haben und Familien unterstützende und ergänzende Einrichtungen seien. Insgesamt werden in den AWO-Kindertageseinrichtungen derzeit 687 Kinder betreut, davon 36 Kinder mit bestehender oder drohender Behinderung. Etabliert haben sich aber auch die anderen Einrichtungen und Dienste im Kinder- und Jugendbereich, wie beispielsweise die Kinderhorte, die Mittagsbetreuung die Ganztagsbetreuung und Jugendsozialarbeit an verschiedenen Schulen, erklärte der Kreisvorsitzende.

Die Mitgliederentwicklung nahm im Vorstandsbericht einen breiten Raum ein. „Mitglieder sind eine tragende Säule der AWO. Denn die ehrenamtlich tätigen Vorstände tragen auf allen Gliederungsebenen eine hohe Verantwortung, da sie letztlich dafür zuständig sind, wie sich die AWO entwickelt. Mitglieder prägen nicht nur ganz wesentlich die AWO, sondern sie sind auch diejenigen, die den Großteil des ehrenamtlichen Engagements bestreiten. Von den über 500 Freiwilligen, die sich mit rund 70.000 Stunden in vielfältigster Weise für unseren Wohlfahrtsverband und damit für ihre Mitmenschen ehrenamtlich einsetzen, sind die meisten AWO-Mitglied“, hob Herbert Weißenfels hervor. Er erläuterte die Mitgliederbewegungen, die im Berichtszeitraum leicht sanken, aber seit Anfang dieses Jahres wieder zunehmen. Im Mai hatte der Kreisverband insgesamt 2.346 Mitglieder. Besorgniserregend nannte Herbert Weißenfels die Altersstruktur der Mitglieder. „Rund 15 Prozent der Mitglieder sind jünger als 50 Jahre. Über 50 Prozent unserer Mitglieder sind älter als 70 Jahre, davon sind 67 Prozent unserer gesamten Mitglieder weiblich." Er bat die Anwesenden die Mitgliederwerbung auf ihrer Prioritätenliste ganz nach oben zu setzen. „Wir brauchen einen starken Mitgliederverband, um uns lautstark zu Wort zu melden, wenn die sozialen Sicherungssysteme verringert werden sollen oder wenn es darum geht Solidarität für die Menschen einzufordern, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Die AWO braucht viele Menschen, damit sie vielen Menschen helfen kann.“

Am Ende seines ausführlichen Berichtes bedankte sich Herbert Weißenfels bei den AWO-Freunden in den Ortsvereinen, insbesondere auch bei den Ortsvereins-Vorständen, den Kreis-Vorstandsmitgliedern, den Vorsitzenden der Ortsvereine, bei den Kreisrevisoren sowie allen ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dem AWO Bezirksverband Oberbayern, bei den Kommunen und Behörden, den anderen Wohlfahrtsverbänden, den sonstigen Organisationen und Unterstützern sowie den Firmen. „Sie alle haben dazu beigetragen, dass wir auf unserem Weg ein gutes und wichtiges Stück vorangekommen sind und unsere Arbeit auch erfolgreich für die Menschen im Landkreis durchführen konnten.“ Dank gab es von ihm aber auch für die Sammlerinnen und Sammler, die in den vergangenen Jahren bei den Landessammlungen zwischen 34.000 € und 40.000 € mühsam zusammengetragen haben.

Wahlen
Die Vorstandswahlen und die Delgiertenwahl für die Bezirkskonferenz der AWO Oberbayern rundeten das ca. vierstündige Programm der Konferenz ab: Herbert Weißenfels wurde erneut zum Vorsitzenden gewählt. Seine vier Stellvertreter wurden Alexandra Burgmaier vom Ortsverein (OV) Raubling, Dr. Werner Keitz vom OV Bad Aibling, Udo Satzger vom Stadtverband (SV) Rosenheim und Edeltraud Strauß vom SV Rosenheim.

Die letzten Worte gehörten Herbert Weißenfels, der sich freute, dass der alte Vorstand das uneingeschränkte Vertrauen für eine weitere 4-jährige Amtszeit erhalten hat. Bevor er die Kreiskonferenz offiziell beendete, appellierte er an die Konferenzteilnehmer: „Lassen Sie uns zusammenstehen, um gemeinsam die AWO-Vision von einer sozial gerechten, humanen Gesellschaft zu verwirklichen, in der der Gesunde dem Kranken hilft, der Starke für den Schwachen einsteht, in der bei uns lebende Menschen anderer Nationalität oder religiöser Überzeugung nicht ausgegrenzt, sondern integriert werden, in der die grundgesetzlich garantierte Sozialstaatlichkeit Auftrag und Verpflichtung für alle politisch Handelnden darstellt“.

Text und Bilder: Regina Besch