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Offene Kreativ-Werkstatt der AWO am Mittwoch, den 10. April 2019 von 15:00 Uhr bis 17:00 Uhr
19
April 2019

Kivobe-Fachtag in Maisach

„Ein vorurteilsfreies Leben ist Utopie, im Privatleben ebenso wie im Berufsalltag. Entscheidend ist, dass man sich seiner Vorurteile bewusst ist und dafür sorgt, dass sie Entscheidungen und Verhalten nicht negativ beeinflussen.“

Was die beiden Experten, Maximilian Engl vom Institut für Kulturbewusste Kommunikation, Reichersbeuern, und Carsten Häschel von der Häschel-Inklusionsberatung, Berlin, auf einem Fachtag der AWO Oberbayern im Bürgerhaus Maisach referierten, stieß bei den Teilnehmern auf offene Ohren. Denn seit zwei Jahren beschäftigen sich die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der 55 AWO-Kitas im Rahmen eines Pilotprojekts mit dem Thema Vorurteile und Diskriminierung in der Kita und seinen Folgen. Das dreijährige Projekt mit dem etwas sperrigen Titel „Kindern vorurteilsbewusst begegnen“ (KIVOBE) läuft noch bis 29. Februar 2020 und wird vom AWO-Bundesverband, dem Europäischen Sozialfonds und vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert. 

Neun Einrichtungen haben sich als „Pilot-Kitas“ auf Spurensuche begeben nach allen möglichen und oft sehr subtilen Formen von Vorurteilen, Stereotypen und Diskriminierung im Kita-Alltag: Angefangen bei „typischen“ Spielen und Spielsachen für Jungs und Mädchen, z.B. Puppen, Ritterfiguren, Basteln und Fußballspielen, über Vorurteile mancher Eltern, etwa gegenüber muslimischen Kindern, bis hin zu ausgrenzendem Verhalten der Kinder untereinander (Du darfst nicht mitspielen, das kannst Du noch nicht, dafür bist du zu klein).

Schon Zwei- bis Vierjährige entwickeln nämlich erste Anzeichen von Vorurteilen, die sich im Alter von fünf bis sieben Jahren verstärken und im mittleren Kindesalter stark verfestigen.

Aber auch das Kita-Personal agiert selbstverständlich nicht vorurteilsfrei mit Kollegen, Kindern und Eltern. Völlig normal sei das nach Auffassung des Kommunikationsexperten Maximilian Engl, der Diskriminierung sogar für den „ersten notwendigen Schritt zur Diversität“ hält.  Ebenso eindrucks- wie humorvoll schilderte der Referent vier Triebfedern für Diskriminierung: erstens kulturelle Differenzen, z.B. zwischen moslemisch und christlich geprägten Kulturen, zweitens unterschiedliche Machtprägungen, etwa zwischen ehemaligen Kolonialisten und Kolonisierten, Schwarzen oder Weißen, drittens die eigene Biographie und Persönlichkeit und viertes „Prozesse der Begegnung mit Fremdheit“. Letztere sorgten dafür, dass Diskriminierung sogar von der Tagesform abhängig ist. „An einem Tag freue ich mich nach der Ankunft über die bunte Vielfalt am Münchner Hauptbahnhof. Am anderen finde ich das Menschengewirr nervig und fremd und bin heilfroh, dass ich auf dem Dorf wohne“, so das Eingeständnis des Referenten. Auch Gruppendynamiken spielten bei der Diskriminierung eine große Rolle, man denke nur an Fussballfans.

Einleuchtend, dass sich solche Diskriminierungsmuster weder auf Deutsche, noch auf bestimmte Geschlechts-, Alters- oder Berufsgruppen beschränken ließen, so Engl, sondern überall auf der Welt ununterbrochen stattfinden. Wichtig sei es, sensibilisiert zu sein, seine eigenen Vorurteile kennenzulernen, negative Gefühlssignale bei sich zu erkennen und sich in solchen Situationen selbst zu coachen zu können.

Gerade in der frühkindlichen Bildung, sprich in Kindertageseinrichtungen, ist diese Fähigkeit natürlich von besonderer Bedeutung. In mehreren Work-Shops sammelten die Pädagogen deshalb Beispiele aus der Praxis und Lösungsansätze für den bewussten Umgang mit Diskriminierung und Vorurteilen in ihren Einrichtungen.

 

Mit dem KIVOBE-Projekt sei die AWO „ganz weit vorn“, lobte Referent Maximilian Engl die Initiative des Bezirksverbands Oberbayern und der AWO allgemein. Axel Geißendörfer, Fachabteilungsleiter bei der oberbayerischen AWO, betonte, dass das Projekt und die Fachtagung nur eine von vielen Qualifizierungs- und Entwicklungsmaßnahmen im Kita-Bereich sei.

Cornelia Emili, Vorstandsvorsitzende der AWO Oberbayern, bedankte sich wiederum bei den Referenten, den Projektbeteiligten und vor allem bei den neun Pilot-Kitas für ihren „Mut, sich auf diesen schwierigen und selbstkritischen Reflexionsprozess einzulassen“. Sie versprach im Gegenzug, diesen Prozess auf alle Leistungsbereiche der AWO, also beispielsweise auch die Altenhilfe, zu übertragen.