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Verband | 22.07.2011

Hans Taschner, ein Vorbild für Zivil-Courage, feierte 100. Geburtstag

Hans Taschner (Mitte) mit Peter Dingler und Regina Besch vom AWO Bezirksverband Oberbayern.

Hans Taschner, einer der letzten Zeitzeugen des Konzentrationslagers Dachau, erreichte im Juni 2011 sein 100. Lebensjahr. Ihm zu Ehren, veranstalteten die oberbayerische Arbeiterwohlfahrt (AWO) zusammen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) München, dem „VVN-BdA München*)“, der "Lagergemeinschaft Dachau" und der „Münchner Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten“ eine Geburtstagsfeier. Über 70 geladene Gäste nahmen an der Feier teil, die im Ludwig-Koch-Saal des  Gewerkschaftshauses in der Münchner Schwanthalerstraße  stattgefunden hat.

 

In seiner Begrüßungsrede sagte Christoph Frey, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes in München, dass Hans Taschner zu den Unentwegten gehöre, die uns bis heute mit ihrer Menschlichkeit und ihrer Beständigkeit Mut machen. So war er noch vor wenigen Jahren auf der Straße mit dabei, als es galt, Neonazis den öffentlichen Raum zu verwehren.

 

Grußwort von Alt-Oberbürgermeister Dr. Hans-Jochen-Vogel

Aus gesundheitlichen Gründen konnte Dr. Hans-Jochen Vogel, Alt-Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München und Bundesminister a.D., an der Veranstaltung nicht teilnehmen, weshalb Regina Besch, Fachreferentin des AWO-Bezirksverbandes Oberbayern, sein schriftliches Grußwort vortrug. Dr. Vogel kennt Hans Taschner persönlich und nannte ihn unter anderem eine ungewöhnliche Persönlichkeit, dessen Geburtstag etwas ganz Besonderes sei. „Denn wer kann schon über die Anfangsjahre des Freistaats Bayern und der Weimarer Republik aus eigenem Miterleben berichten? Oder hat sogar noch eine Erinnerung an den Naziputsch vom 9. November 1923? Da war unser Jubilar immerhin schon zwölf Jahre alt. Aber Hans Taschner hat nicht nur miterlebt. Er hat sich selbst engagiert und gegen das heraufziehende Unheil gekämpft“, schrieb der ehemalige Münchner Oberbürgermeister. Wie ungewöhnlich er war – und natürlich geblieben ist, zeigt noch ein Aspekt, mit dem Dr. Vogel sein Grußwort abschloss: „Nämlich mit der Frage, wie unsere Geschichte verlaufen wäre und welches furchtbare Leid wir den Millionen von Opfern und uns auch selbst erspart hätten, wenn eine Mehrheit unseres Volkes sich so verhalten und so gekämpft hätte wie Hans Taschner“.

Das vollständige Grußwort von Dr. Vogel finden Sie hier.

 

Erinnerung an eine bewegte Vergangenheit

Anschließend hielt Barbara Distel, ehemalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, eine Würdigung  über den bewegten Lebensweg von Hans Taschner, der 1911 in eine Zeit hineingeboren wurde, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.  Er wurde als jüngstes von drei Geschwistern in der Münchner Westendstraße geboren. Sein Vater war Sozialdemokrat sowie gewerkschaftlich orientiert, war Mitbegründer des Konsumvereins in München-Sendling und führte zusammen mit seiner Frau den Genossenschaftsladen, der Arbeitern den Einkauf günstiger Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs ermöglichte. Beeindruckt von der perfekten Organisation des Geschäfts und vom Fleiß seiner Eltern begann Taschner  mit 14 Jahren eine Lehre als kaufmännischer Angestellter und engagierte sich in der gewerkschaftlichen Jugendarbeit. Über die Zeitschrift „Der Funke“ lernte er die Ideen des „Internationalen Sozialistischen Kampfbundes“ (ISK) kennen, der 1925 von dem Göttinger Philosophen Leonhard Nelson auf ethischer Basis gegründet wurde. Der ISK schätzte die Gefahr der drohenden Diktatur von Anfang an realistisch ein und wurde von prominenten Intellektuellen wie Thomas Mann, Albert Einstein und Käthe Kollwitz unterstützt, sagte Barbara Distel.

Als Hans Taschners Arbeitgeber im Jahr 1930 die Verträge für seine Mitarbeiter zu deren Nachteil ändern wollte, organisierte er eine Protestversammlung, an der etwa 100 Menschen teilnahmen. Wegen „gewerkschaftlicher Aufwiegelung“  wurde er fristlos entlassen und fand nach Gelegenheitsarbeiten erst Ende 1932 im Büro der Arbeiterwohlfahrt (AWO), das damals im Münchner Gewerkschaftshaus in der Pestalozzistraße untergebracht war,  eine Anstellung. Am 1. Mai 1933 wurde das Gewerkschafthaus von SA-Truppen besetzt und verwüstet. Hans Taschner gelang es, die Mitgliederliste der AWO, versteckt im Futter seiner Jacke, aus dem Haus zu schmuggeln. Bei seiner Rückkehr ins Gewerkschaftshaus sah er, wie der Gewerkschaftsvorsitzende Gustav Schiefer, der die Gefahr Hitlers bis zuletzt unterschätzt hatte, blutüberströmt abgeführt wurde.

Im Januar 1934 erhielt Hans Taschner eine Anstellung als Verwaltungsangestellter in einer Krawattenfabrik, traf sich weiterhin im kleinen Kreis des ISK und führte für diesen illegale Kurierdienste durch. Ein Flugblatt über die gelungene Flucht des kommunistischen Reichtagsabgeordneten und Widerstandskämpfers Hans Beimler  wurde ihm im Juni 1935 zum Verhängnis. Obwohl das Flugblatt nicht bei ihm gefunden wurde, da er dieses sofort vernichtete, wurde Taschner wegen  „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ in den Morgenstunden des 13. Juni 1935 von der Gestapo verhaftet und kam trotz Verfahrenseinstellung wegen nachgewiesener Unschuld ins Konzentrationslager Dachau. Dort verbrachte er drei Jahre und vier Monate (20. Dezember 1935 bis 20. April 1939) seines Lebens.  Er erlebte in diesen Jahren den Wandel des Konzentrationslagers Dachau von einem Ort des individuellen Terrors, vor allem gegen politische Gegner, zu einem Ort des Massenterrors, in den schließlich im Laufe des Krieges Gefangene aus 38 Nationen verschleppt wurden.

Hans Taschner fand dort als „politscher Gefangener“  Arbeit im gefürchteten Kiesgrubenkommando sowie im schweren Straßenbau und wurde auch als „Lagerläufer- und Lagerschreiber“ eingesetzt. Er schloss sich dort einem kleinen Kreis von Vertrauten an, zu denen unter anderem Max Gorbach (nach 1945 erster Bundeskanzler Österreichs) und Kurt Schumacher (SPD-Vorsitzender nach dem Zweiten Weltkrieg und einer der Gründungsväter der BRD) gehörten. Nach der Denunzierung eines früheren Hauptmanns der Reichswehr, wegen einer angeblich geplanten Meuterei, musste Taschner  in den Bunker, wurde stundenlang verhört und schrecklich gefoltert. Danach folgte die berüchtigte Prügelstrafe und strengster Arrest in Dunkelhaft, bevor er in den Strafblock verlegt wurde.  Aufgrund solidarischer Hilfe seiner Mithäftlinge kam er in einem relativ leichten Arbeitskommando in der Kleiderkammer unter.

Am 20. April 1939 wurde er anlässlich Adolf Hitlers 50. Geburtstag mit 500 Häftlingen aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen.

Danach bekam er bei der Münchner Krawattenfabrik Weller und Staudenmaier eine Wiedereinstellung und war erleichtert, als er am 1. Dezember 1939 einberufen wurde, da er dadurch der ständigen Überwachung der Gestapo entkam. Er wurde als Funker für den Luftwaffennachrichtendienst ausgebildet und kam im Laufe der folgenden vier Jahre nach Frankreich,  Polen und Russland. Dass er kurz vor Stalingrad mit einer Autopanne stecken blieb und deshalb zurück geschickt wurde und nicht in den „Kessel“ geriet, aus dem es kein Entkommen mehr gab, gehörte zu den Glücksfällen im Leben von Hans Taschner.

Nach Kriegsende und kurzfristiger Gefangennahme durch das amerikanische Militär, konnte Hans Taschner wohlbehalten nach Hause zurückkehren, wo er das Haus seiner Eltern und seiner Frau, mit dem in seiner Abwesenheit zur Welt gekommenen Sohn Klaus, unversehrt vorfand. Sofort begann er bei seiner früheren Firma, einem Krawattenhersteller, zu arbeiten und gründete später seine eigene Firma, die er bis zu seinem 70. Lebensjahr leitete.

 

Die Angst hat Hans Taschner nie verlassen

In Ihrem Schlusswort betonte Barbara Distel, dass die Angst - aufs Neue verraten, denunziert und grundlos verhaftet zu werden - Hans Taschner bis heute nicht mehr verlassen habe. „Vielleicht kann man es als ausgleichende Gerechtigkeit bezeichnen, dass Hans Taschner einen Sohn hat, der ihn, wo in seinem hohen Alter die Bewältigung des Alltags schwierig geworden ist, mit liebevoller Fürsorge betreut und ihm dadurch ermöglicht, dass er in seinem wunderschönen  Häuschen in Schlagenhofen leben kann. Er hilft ihm auch, dass Versprechen einzuhalten, seine Frau nicht im Stich zu lassen, nachdem sie ins Pflegeheim übersiedeln musste. So verbringen seit Jahren Hans Taschner und sein Sohn Klaus jeden Nachmittag im Pflegeheim. Unsere Anerkennung gilt deshalb nicht nur Hans Taschner, sondern auch seinem Sohn Klaus, für die Selbstverständlichkeit, mit der er die Verantwortung für das Leben seines Vaters übernommen hat", so Barbara Distel.

 

Für seine vorbildliche Zivil-Courage wurde Hans Taschner ausgezeichnet

„Sein politisches Interesse und gewerkschaftliches Engagement in den jungen Jahren,  die Zeit als politischer Gefangener im Konzentrationslager und die Kriegsgeschehnisse des Zweiten Weltkrieges haben das Leben von Hans Taschner geprägt. Trotzdem blieb er immer ein überzeugter Sozialdemokrat“, sagte Peter Dingler, Vorstandsvertreter des Bezirksverbandes Oberbayern, in seiner Rede.

 

Die AWO habe vor einigen Jahren den “Magdeburger Apell – Demokratie heißt hinsehen und Gesicht zeigen“ verfasst. Wenn die AWO die Demokratinnen und Demokraten auffordere, gemeinsam und selbstbewusst für demokratische Grundwerte einzutreten, um rechtsextreme Gefahren zu bekämpfen, dann sei Hans Taschner ein leuchtendes Vorbild. Er erkannte früh die Gefahren des Nationalsozialismus, weil er nicht wegsah, sondern genau hinsah. In Taten zeigte er sein Gesicht, auch wenn es für ihn Lebensgefahr bedeutete. Deshalb wurde der ehemalige AWO-Mitarbeiter bereits 2008 auf der Bezirkskonferenz in Fürstenfeldbruck ausgezeichnet. Es ist die höchste Auszeichnung der oberbayerischen AWO, die als Anerkennung für außerordentliches und beispielhaftes Engagement verliehen werde. "Solche Menschen, die sich  wie Hans Taschner unbeirrbar für die demokratischen Grundwerte einsetzen und Zivil-Courage zeigen, müsste es in unserer heutigen Gesellschaft wieder mehr geben, ab sie sind leider seltener geworden", sagte Peter Dingler abschließend.

 

Danach zeigte Karin Seybold ihren Film "Ludwig Koch - Der mutige Weg eines politischen Menschen", der einige der Gäste an die Schreckenszeit des Nationalsozialismus erinnern ließ und zu einem anschließenden Gedankenaustausch anregte.

 

*) VVN-BdA München = Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten