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06
März 2019

Sozialpolitischer Aschermittwoch 2019

„Wie wäre es, wenn wir die erste Republik wären, die keine Kinderarmut mehr kennt?“ Mit dieser Frage stimmte der Geschäftsführer der Volkshilfe Österreich, Erich Fenninger, das Publikum im Konferenzsaal der Bauer AG in Schrobenhausen auf sein Vortragsthema ein: Die dauerhafte Abschaffung von Kinderarmut mit Hilfe einer ausreichenden Kindergrundsicherung. Der Gastredner beim diesjährigen Sozialpolitischen Aschermittwoch der oberbayerischen Arbeiterwohlfahrt (AWO) bezog seine Ausführungen zwar auf Österreich, doch ein Wettbewerb um diesen Titel würde auch Deutschland gut anstehen.

von links: Dr. Karlheinz Stephan, Erster Bürgermeister Schrobenhausen, Nicole Schley, Präsidentin AWO Oberbayern, Alois Rauscher, stellv. Landrat von Neuburg-Schrobenhausen, Marianne Zollner, AWO-Präsidiumsmitglied, Cornelia Emili, Vorstandsvorsitzende AWO Oberbayern, Erich Fenninger, Bundesgeschäftsführer Volkshilfe Österreich, Gerhard Wimmer, AWO-Präsidiumsmitglied, Ingrid Simet, AWO-Präsidiumsmitglied.

Volkshilfe-Geschäftsführer Erich Fenninger

Nach Auffassung des Sozialexperten ist die komplette Abschaffung von Kinderarmut keine Vision, sondern könnte schon bald Realität sein, „wenn wir die Perspektive wechseln und diejenigen in den Focus rücken, denen ein schönes, gelingendes Leben über Generationen hinweg vorenthalten wird.“

Arme Kinder seien in vier entscheidenden Lebensbereichen, nämlich Wohnen, Bildung, soziale Teilhabe und Gesundheit, „radikal geschädigt“, was sich bis ins Erwachsenen- und Rentenalter auswirke. Arme Kinder von heute seien häufig die Arbeitslosen und Leistungsempfänger von morgen. Armut sei aber ebenso wenig ein alternativloses Phänomen heutiger Gesellschaften wie der Klimawandel. Im Gegenteil: Mit relativ wenig Mitteln kann Kinderarmut dauerhaft beseitigt werden, ist Fenninger überzeugt. Mit 625 Euro pro Kind und Monat, so die Berechnungen der Volkshilfe, könne die gleichberechtigte Teilhabe armer Kinder an den vier Lebensbereichen gewährleistet und damit Folgeschäden verhindert werden. „In Österreich müssten dafür 600 bis 700 Millionen Euro jährlich aufgebracht werden – ein vergleichsweise lächerlicher Betrag.“

Die „phänomenale“ AWO-ISS-Armutsforschung in Deutschland komme auf fast identische Ergebnisse bei der Bedarfsberechnung, was die große Validität der heutigen Armutsforschung belege, so Fenninger.

„Arme Kinder brauchen Geld und keinen Bleistift“, antwortete er den Befürwortern von Sachleistungen, die befürchten, dass die Verwendung der finanziellen Grundsicherung nicht kontrolliert werden könne. Als leidenschaftlicher und erfahrener Sozialarbeiter traue er einem Großteil der Familien zu, die Mittel richtig, d.h. zugunsten der Kinder einzusetzen. Bei den übrigen könne man nachsteuern und unterstützen.

Nicole Schley, Präsidentin der AWO Oberbayern und Gastgeberin des Sozialpolitischen Aschermittwochs, zeigte sich begeistert von den Ausführungen des österreichischen Kollegen. Auch in Bayern seien nach wie vor 12,8 Prozent der Kinder unter 18 Jahren arm oder von Armut bedroht.  „Jedes Kind, das in unserem reichen Land in Armut leben muss, ist eines zu viel,“ bedauerte sie. AWO und österreichische Volkshilfe wollten auch weiterhin eng zusammenarbeiten, um Kinderarmut hier wie dort zu bekämpfen.

Auch 2019 sei das Ziel des "Sozialpolitischen Aschermittwochs" der oberbayerischen AWO erreicht worden, nämlich die rund 110 Gäste aus Verband, Politik und Wirtschaft am Beginn der Fastenzeit zum Nachdenken und Diskutieren anzuregen, freute sich Schley. Fenninger reihte sich in die über 30-jährige Tradition bekannter Redner*innen und Redner von Prof. Bernd Rürup bis Charlotte Knobloch ein. „Ausgerechnet im 100. Jubiläumsjahr der Arbeiterwohlfahrt eine große Ehre“, dankte Fenninger.